Nachricht Nr.: 87 21.10.2008 Die Orang-Utans spürten, dass ich Krebs hatte und kümmerten sich um mich Michelle Desilets von BOS Großbritannien bekämpfte ihre Krebserkrankung, um wieder für ihre Orang-Utans da sein zu können
 Michelle Desilets war nicht überrascht, dass sie erschöpft war. Die Gründerin der Borneo Orangutan Survival Foundation in Großbritannien (BOS UK) war Ende 2006 zurückgekehrt von einer kräftezehrenden dreimonatigen Geschäftsreise nach Indonesien, Australien und Amerika.
Als sie zuhause in Ambrosden, Oxfordshire, ankam, bemerkte sie einen permanenten Juckreiz an ihren Füßen. Das Jucken breitete sich schon bald über ihren gesamten Körper aus und war äußerst unangenehm - binnen drei Monaten war sie überall rot.
Im Mai 2007 besuchte Michelle, damals 40, einen Dermatologen der ihr vorschlug, sich auf Lymphoma untersuchen zu lassen – Lymphknotenkrebs. "Ich ließ sofort eine Computertomographie machen, aber ich war sicher, dass ich mir etwas in Borneo geholt hatte", erinnert sich Michelle.
Die Ergebnisse der CT waren katastrophal. Sie hatte tatsächliche eine Form des Lymphknotenkrebs, bekannt als Hodgkins-Krankheit. Weitere Tests wurden angesetzt um herauszufinden, ob der Krebs sich auf eine Region beschränkte oder ob er sich bereits ausgebreitet hatte.
"Die Ergebnisse kamen an meinem 41. Geburtstag. Das war wie ein Schlag ins Gesicht", sagt Michelle. Anstatt auszugehen und ihren Geburtstag zu feiern, wälzte sich Michelle im Bett hin und her, voller Angst dass sie ihre geliebten Orang Utans nie wieder sehen würde. "Ich war verärgert Krebs zu haben, aber ich hatte kein Selbstmitleid", sagt sie.
"Niemand hatte mir die Krankheit zugefügt. Anders zum Beispiel verhält es sich bei den 5000 Orang-Utans, die jährlich aufgrund von menschlichen Aktivitäten sterben.Der Regenwald wird zerstört um Platz zu machen für gewaltige Ölpalmplantagen, Arbeiter werden bezahlt um Orang-Utans zu töten die die Plantagen durchstreifen. Ausgewachsene Tiere werden geschlagen, abgeschlachtet oder angezündet, und ihre Babys werden als Haustiere verkauft."
Michelle dachte immerzu an einen bestimmten Orang-Utan – Lomon – der fünf Jahre angekettet in einer Kiste vor sich hin vegetiert hatte. "Ich habe ihn langsam dazu gebracht wieder zu essen und habe seine Hand zum einschlafen gehalten. Wenn ich wegmusste, wollte er meine Hand nicht los lassen. Ich wollte Lomon unbedingt wiedersehen. Deswegen musste ich wieder gesund werden."
Zwei Biopsien ergaben allerdings, dass Michelle bereits Tumore im frühen Stadium hinter dem Brustbein und im Genick hatte. Da die Methastasen jedoch im frühen Stadium entdeckt wurden, bestand die Chance auf einen effektiven Eingriff der Michelle von der Krankheit befreien würde.
"Was mir Sorgen bereitete war mein mangelndes Immunsystem. Einfach mal so den Bus nehmen konnte ich mir nicht erlauben, geschweige denn ins nächste Flugzeug springen und nach Indonesien zu den Orang-Utans fliegen."
Nur ein Jahr zuvor hatte Michelle an einer BBC-Doku über die Projekte in Indonesien gearbeitet. "Da bin ich problemlos eine Stunde durch einen Sumpf gestapft, auf rutschigen Holzstämmen balanciert mit Filmausrüstung im Gepäck, einen Orang-Utan auf dem Rücken, den anderen am Bein. Da hab ich mir schon gedacht: “Ziemlich gut für 40!" Und plötzlich bleibt mir die Luft weg wenn ich nur eine Treppe raufgehen muss."
Im Januar diesen Jahres fiel Michelle's dickes Haar büschelweise aus. Doch aufgeben war keine Option. "Ich habe Orang-Säuglinge gesehen die trotz abgeschlagener Hände lernten zu klettern. Ich erinnere mich an einen namens Chen Chen, der ganz ruhig wartete bis ihm ein verletztes Auge amputiert wurde. Ein anderer Orang, Beethoven, hatte über hundert entzündete Fleischwunden, aber wenn ich ihn kitzelte, konnte er sich nicht mehr halten vor lachen."
Später diesen Monat zeigte der Befund einer CT dass die Tumore beseitigt waren – dennoch musste Michelle die Chemotherapie bis März fortsetzen. Als ein darauf folgender Befund dies bestätigte, gab es für Michelle nur eins – zurück nach Borneo. Ihr Arzt war zwar einverstanden, riet aber zu Vorsicht: viel Ruhe, keine übermäßigen Anstrengungen und ein sauberes Hotel.
"Ich freute mich so auf Lomon, hatte aber auch Bedenken wie es mir bekommen würde wenn die Orangs herumtoben. Sie können schon manchmal etwas wild sein – und ein heranwachsender Orang-Utan ist viermal so stark wie ein ausgewachsener Mensch."
Zehn Tage nach Ende ihrer Behandlung kam sie auf Borneo an. Für Michelle fühlte es sich an wie die Ankunft in der Heimat. Die wahrscheinlich größte Überraschung für Michelle war, wie sanft die Orang-Utans mit ihr umgingen – als ob sie spürten wie körperlich angeschagen wie war.
"Vorher sind sie immer wie eine Rabaukenbande auf mich eingestürmt, haben mich gnadenlos in Beine und Hacken gebissen, und sie liebten es an meinem Haar herumzuzerren und sich daran fest zu halten", sagt sie. "Ich bin ganz sicher, dass sie sich darüber bewusst waren dass es mir nicht gut ging."
Viele der jungen Orang-Utans versammeln sich regelmäßig auf einem Rasen vor der Schlafenszeit. Als ein Jungtier namens Marwas mitbekam, dass sich Michelle auch dort ausruhte, kam er näher, hing sich vorsichtig an sie und legte seinen Kopf auf ihre Schulter. "Behutsam streichelte er mein ausgedünntes Haar, glättete es sanft und untersuchte die kahlen Stellen", sagt Michelle.
An einem Morgen fühlte sie sich ziemlich schlecht, erinnert sich Michelle. Ein kleines Weibchen, Ruby, hatte dies bemerkt und fing an, ganz sanft ihren Rücken zu massieren. "Das dauerte dann etwa 20 Minuten und gelegentlich streichelte sie meinen Rücken mit beiden Händen."
Aber der Orang-Utan den sie am meisten vermisste war Lomon. "Da hier auf wenigen Quadratkilometern hunderte von Orang-Utans leben, weiß man nie wen man sieht. Oder wer einen sieht. Irgendwann kam Lomon mit ausgestreckten Armen auf mich zu, trotz seiner Sieben Jahre quiekend und anschmiegsam wie ein Jungtier."
"Ich fühle mich als Person die Krebs hatte. Hatte – in der Vergangenheitsform. Wer mich fragt, dem sage ich, dass ich den Krebs besiegen musste um meine Arbeit weiter zu machen.
Wir brauchen unbedingt Geld um Land zu kaufen wo wir unsere rehabilitierten Orang-Utans auswildern können und sie ungestört leben können. Ich bin entschlossener denn je.
Wir setzen uns nach wie vor dafür ein, die verbliebenen Regenwälder unter Naturschutz zu stellen so dass die Tiere eine dauerhafte, sichere Bleibe haben und Leute wie ich nicht länger benötigt werden."
Quelle: BOS Deutschland
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