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Nachricht Nr.: 101
13.11.2008
Nachhaltigkeitszertifikate für das internationale Agro-Business?
Viele Fragen und Diskussionen zum Thema „Nachhaltigkeitszertifikate für Agrarenergie“ bei der Tagung von „Brot für die Welt“ und FDCL am 4. November in Berlin

Nachhaltigkeitszertifikate für das internationale Agro-Business?
Eignen sich Zertifikate, die der Produktion nachwachsender Rohstoffe und dem Handel mit ihnen gegebenenfalls bescheinigen, ökologisch nachhaltig und sozial verträglich zu sein, als Orientierung für den Konsumenten? Oder müssen sie eher als Schmiermittel einer rücksichtslosen Ausplünderung von Natur und Menschen gesehen werden? Diese Fragen stellten sich "Brot für die Welt" und das Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL) und luden dazu Vertreter einschlägiger Nichtregierungsorganisationen (NGOs) für den 4. November dieses Jahres zu einer Tagung nach Berlin ein.

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Fragen wurden nicht eindeutig beantwortet. Es gibt offenbar kein klares Ja oder Nein, zumindest dann nicht, wenn man versucht, aus allen Standpunkten und Debatten ein gemeinsames Resumee zu ziehen.

Nachdem Jan Dunkhorst vom FDCL die Zuhörer in die überaus komplexe Thematik eingeführt hatte, referierte Veerle Dossche von der britischen Umweltorganisation FERN über das Für und Wider von Umwelt- und Sozialsiegeln allgemein. Der Tenor ihres Vortrags nahm im Grunde den Ausgang der ganzen Tagung vorweg:

Zertifizierungen können durchaus im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens nützlich sein, sind aber kein Allheilmittel, sondern bestenfalls ein mögliches Instrument unter etlichen anderen. Wenn sie halbwegs greifen sollen, setzen sie bestimmte politische und organisatorische Rahmenbedingen voraus.

Ohne funktionierende Gesetzgebung und ein integeres Rechtssystem besonders in den Produzentenländern des Südens haben Zertifikate keinen praktischen Wert, da in einem korrupten, von mächtigen Partikularinteressen dominierten Gemeinwesen keine wirkliche Kontrolle möglich ist. Unabdingbar ist selbstverständlich auch die strikte Trennung von Zertifizierenden und Zertifizierten, da andernfalls Zertifikate zum "Green Washing" einladen und so erst recht massive Umweltschädigungen und Waldrodungen im großen Stil begünstigen.

Chris Lang vom World Rainforest Movement beleuchtete danach das Für und Wider von Zertifikaten am Beispiel des FSC-Holzsiegels - ebenfalls sehr kritisch. Gemäß seiner Ausführungen hat der FSC (Forest Stewardship Council) den Praxistest bislang nicht bestanden und befindet sich sozusagen auf dem Holzweg. Die offiziellen Standards und Regeln des FSC seien zwar insoweit nicht zu beanstanden, allein es fehle der Wille, sie auch konsequent anzuwenden.

Für die Wälder West- und Nordeuropas mag das FSC-Siegel sogar einigermaßen zuverlässig sein, nicht jedoch für die tropischen Wälder beispielsweise Indonesiens oder Brasiliens. Zu zahlreich seien die Verflechtungen zwischen Kontrolleuren und Unternehmen, zu abhängig die Gutachter von den Begutachteten, um dem Siegel der Nachhaltigkeit, ökologischen Unbedenklichkeit und sozialen Verträglichkeit Glauben zu schenken. In der Praxis bekämen selbst reine Plantagen und Monokulturen ökologische Nachhaltigkeit attestiert. Zudem verwirre den Verbraucher die Vielzahl unterschiedlicher FSC-Siegel.

Ähnlich problematisch sahen es auch Abhallah Mkindi von der Organisation Envirocare aus Tansania und Norman Jiwan von Sawit Watch aus Indonesien. Hier standen vor allem die expandierenden Industrien für Palmöl und andere Agro-Rohstoffe im Mittelpunkt. Demnach hatten die Bemühungen, in diesen Bereichen ökologische Nachhaltigkeit und akzeptable Sozialstandards durch Zertifizierungen zu fördern, bislang keinen messbaren Erfolg.

Camila Moreno (Terra de Direitos) aus Brasilien erteilte schließlich jeglicher Zertifizierung eine radikale Absage. Ihrer Überzeugung nach kann es glaubhafte Zertifikate für durch großflächige Monokulturen gewonnene Agro-Rohstoffe grundsätzlich nicht geben. Der bloße Versuch, entsprechende Standards zu definieren und zu implementieren, sei eine Luxusdebatte des Nordens und reine Zeitverschwendung.

Weder die Probleme der Bevölkerung z.B. Brasiliens noch die rasante Waldvernichtung würden durch Zertifizierungsbemühungen auch nur ansatzweise berührt. Zu korrupt und auf einseitige Ausplünderung angelegt sei das internationale Handelssystem, um integere Zertifizierungen überhaupt zu ermöglichen. Der einzig sinnvolle Weg sei ein weitgehender Abbruch der Konsum-Nachfrage aus dem Norden und eine verstärkte internationale Zusammenarbeit von Nichtregierungsorganisationen aus dem Umwelt- und Sozialbereich.

Das Gros der Teilnehmer mochte dem radikalen Ansatz Morenos so nicht folgen, ihr Appell an vertiefte Kooperationen stieß jedoch auf positive Resonanz. Dass es an dieser Kooperation oft genug noch mangelt, wurde durchaus als Missstand beklagt.

Insgesamt und unterm Strich fiel das Urteil über die Zertifizierung nachwachsender Rohstoffe zwiespältig aus. Einerseits wurden die Gefahren und krassen Fehlentwicklungen der Zertifizierungssysteme überdeutlich, andererseits blieb die Hoffnung auf glaubhafte Gütesiegel unter verbesserten politischen Rahmenbedingungen. Ohne solche Rahmenbedingungen, zu denen nicht zuletzt funktionierende Demokratien und eine kritische Öffentlichkeit gehören, sind Nachhaltigkeitszertifikate weitgehend wertlos oder bewirken im schlimmsten Fall sogar das Gegenteil des Angestrebten.

Allerdings kann die Existenz von Umwelt- und Sozialzertifikaten selbst bei sehr ungenügender Umsetzung immerhin das Bewusstsein der Konsumenten für die Probleme schärfen, so jedenfalls die Hoffnung etlicher Teilnehmer. Jedoch müssen Zertifizierungsbemühungen stets auch mit dem Kampf für politische Verbesserungen der Produzentenländer einhergehen, um einen Beitrag für eine weiterhin lebenswerte Welt zu leisten...


Quelle: BOS Deutschland

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